Patina oder Wabi-Sabi und Mingei-Kunst? Unsere Suche nach der Sprache des Echten

Das Alte erhalten, Neues erschaffen, das schon durch sorgfältiges Entstehen die Qualitäten einer guten Geschichte hat.

Patina war und ist in der Kultur Europas ein Wert. Sei es die abgewetzte Eingangstür zu einem Wohnhaus in Wien oder die Kalkfassaden in den ehrwürdigen mediterranen Städten Südeuropas mit ihrem unvergleichlichen Charme, der jeweils Millionen von Menschen in seinen Bann zieht. Sie sind davon angetan, weil sie hier, meistens als Tourist, unverwechselbare Zeitzeugnisse und das Abbilden der Geschichte geniessen. Weil die meisten wahrscheinlich in sterilen und homogenen Häusern und Wohnungen wohnen und arbeiten, suchen sie, und das kann man ihnen kaum verübeln, das Echte,“the real thing“.

Patina hat für Europa einen sehr grossen wirtschaftlichen Wert, den man allerdings nicht einfach so beziffern kann. Ob ein Objekt langzeitwerthaltig ist, beginnt schon bei der Wahl der Baumaterialien. Vereinfacht kann man sagen: Aufwertend funktioniert es immer dann, wenn natürliche Materialien auf natürliche Weise verarbeitet Verwendung fanden.

Ein ganz anderer Geist hingegen spricht aus modernen, in der Retorte hergestellten Kunststoffen und Kunststofffarben. Sie sollen eine Art makellose ewige Jungend darstellen, immer spotless sein, sollen und dürfen nie altern und sind auch darauf hin entwickelt worden. Doch damit wirken Objekte zwangsläufig unlebendig, tot. Und haben sie eine einmal eine Ecke weg, sind sie entwertet, da nicht einfach wieder gemalt oder geflickt werden kann.

Bei einem naturbelassenen Holz, bei Öl und Kalkfarben z.B., wirkt ein solcher Alterungsprozess würdevoll. Die Alterung von Gebäuden oder Objekten kann so etwas überaus Schönes sein. Es ist diese Qualität, die Millionen Menschen in ihren Bann zieht.

Wie steht es denn mit dem ästhetisch-ideellen Wert von Patina und dem Umgang damit, wie ihn die Japaner kennen?

Sie nennen es Wabi-Sabi, aber natürlich wäre es viel zu einfach, Wabi-Sabi mit Patina gleichzusetzen. Denn Wabi-Sabi ist eine Kultur, die bis heute bewusst gepflegt wird und bei der es um nichts weniger geht, als um die Pflege dessen, was entsteht und was man nicht machen kann. Damit weist es auf eine Seins-Dimension, in welcher auch unser eigenes Entstehen und Vergehen als Teil eines grossen Ganzen reflektiert wird. Gerade dieser bewusste Umgang mit Zeitspuren führt den Erlebenden zum zeitlosen Betrachter in uns.

Hat es in unserer westlichen Kultur einen solcherart bewussten Umgang mit Patina je gegeben?

Wer Patina auf der deutschen Wikipediaseite aufruft, bekommt eine magere technische Erklärung für das Altern der Dinge. Und über unser Verhältnis und den Umgang mit Patina herrscht allgemeine Pause. Sehnsuchtsauswüchse wie lime-wash und shabi chic versuchen auf künstliche Art etwas in unsere Umgebung zu holen, was wir zuvor mit aller Kraft verdrängt haben.

Gerade hat der Westen Wabi-Sabi für sich entdeckt und vielleicht sogar vereinnahmt und naturgemäss exzessiv wird gerade das Unperfekte zelebriert. Verständlich, wo es doch gilt, unsere Perfektionsexzesse zu kontern.

Im Gegensatz zu dieser westlichen Interpretation von Wabi-Sabi geht es der japanischen Seele aber um Vollkommenheit. Für Wabi-Sabi braucht es Meisterschaft, nicht Dilettantismus. Der Mehrwert ist im japanischen Verständnis ein spiritueller, der sich durch japanisches Designverständnis nicht nur hindurchzieht, sondern seine Wurzel ist, und der letztlich auf die Kultivierung der Person zielt.

Eine solch direkte spirituelle Erfahrung von Wabi-Sabi und den bewussten kulturellen Umgang damit, wie es ihn in Japan gegeben hat und immer noch gibt, existiert hier nicht. Doch gibt es durchaus ein lebendiges Verständnis für diese „Grosse Qualität“ bei uns. Es gibt hier ein Bewusstsein über harmonische Proportionen, es gibt ein Wissen der alten Kirchenbauer über Baukörper und Resonanz und vieles mehr, dem man nachgehen kann. Eine spirituell wertvolle Dimension findet der Westen aber im „Dienst am Nächsten“ und interessanterweise kommt man auch aus dieser abendländischen Perspektive heraus letztlich auf die gleichen – oder ganz ähnliche – Schlüsse wie die Japaner.

Man bleibt bei einfachen, klaren und natürlichen Materialien wie Kalk, Kreide, Kasein, Lehm, Leinöl und anderen natürlichen Ölen und Harzen, stellt damit handwerklich Farben und Verputze her und verarbeitet diese auf einfache und angemessene Weise. So bietet man dem Entstehungsprozess selbst Raum, man gestaltet mehr auf der Baustelle als auf dem Plan, man sieht und hört, wie ein Holz klingt und weiss damit, wo es hin muss und wie es verarbeitet sein will. Man weiss genau, welche Farbe oder welcher Verputz in welcher Art wo zu sein hat. Vielleicht stellt man ihn dann selber  vor Ort so her, wie er sein soll. In diesem Werden, dieser bewussten Entstehung, in der wir eigentlich nichts machen, weil „es entsteht“, ist eine echte Geschichte und damit Wabi-Sabi bereits angelegt. Wir werden im Tun selbst zu zeitlosen Betrachtern und nähern uns so dem japanischen Standpunkt.

In diesem Entstehen ist eine echte Geschichte und damit Wabi Sabi bereits angelegt. Und damit sind wir bei Mingei angelangt, dieser Handwerkskunst der „Bewussten Entstehung“, in der wir eigentlich nichts machen, weil „es entsteht“. So wie es Masanobu Fukuoka in seinem Buch über die Landwirtschaft des Nichts-Tuns wunderbar beschreibt, werden wir im Tun selbst zu zeitlosen Betrachtern.

Unser Umgang mit Patina

Wir haben in unserer langen Praxis nicht wenige Verfahren entwickelt, die Altes zwar reinigen aber weitestgehend in dessen Charme belassen. Oft werden Hölzer oder Holzböden erst mit dem Gebrauch interessant. So heisst es dann zum Beispiel, einen zehnjährigen geölten Parkettboden nicht einfach abzuschleifen, sondern zu waschen und wieder zu ölen, und zwar so, dass die Spuren der Zeit sichtbar bleiben, das Holz aber wieder genährt und widerstandsfähig wird.

Ob man grobe Verletzungen (z.B. mit Kaseinflüssigholz) schliesst oder diese eben zeigt und wie konsequent man mit Zeitspuren umgehen will und kann, hängt oft mit dem Gesamtbild, das erzeugt werden soll, zusammen. Sollen die Wände vollkommen neu wirken (etwa durch einem deckenden Kalkanstrich) oder will man auch hier nur eine dünne Kalktünche aufbringen?

Mit welcher Technik man die Räume klarer, echter oder ruhiger und gefasster wirken lässt, muss man aus dem Sehen und Erfahren des Ortes heraus bestimmen. Alte, mit Ölfarbe gestrichene Türen haben unter Umständen eine ehrwürdigere Anmutung, als wenn diese neu gestrichen würden. Wahrscheinlich sind sie um Türfalle und Schloss herum abgegriffen und das rohe Holz zeigt sich, was so, als echtes Zeitzeugnis, nie gemacht werden könnte. Die alte Türe sollte aber dennoch nicht schmutzig wirken, also wird man den Schutz mit der echten alten Schmierseife oder mit einer milderen, PH-neutralen Seife auswaschen und die Türe nach dem Waschen, mit einem sehr dünnen Öl wieder aufölen oder, je nach Bild, so belassen.

So ist ein grosser Teil unserer Arbeit Waschen und Auffrischen. Nicht nur Türen und Böden, auch Wände und Decken, wofür wir zahlreiche Methoden entwickelt haben. Bei jedem Schritt, den man bei einer solchen Renovation unternimmt, muss man sich aber immerzu fragen: Braucht es das? Soll dieses Loch geschlossen, dieser Flecken entfernt werden? Ein neuer Anstrich ist schnell und einfach gemacht, aber vielleicht verliert das Objekt gerade dadurch Kraft und Einmaligkeit, unwiederbringlich.

Eine eindringliche Geschichte erlebten wir mit der „Renovation der Fassaden“, die sie nebenan in der Bildergalerie sehen. Als der neue Besitzer der Liegenschaften das Gelände mit uns zum erstem Mal betrat, war vieles verwachsen, das ganze wirkte irgendwie verträumt und entschlummert. Beim Öffnen des Gartentors meinte er: „wir müssen das alles renovieren, aber es soll genauso bleiben, wie es jetzt ist, versteht ihr das?“ Wir fanden das grossartig,

So entschieden wir uns, die alten Kalkfassaden, statt sie neu zu streichen, einfach zu waschen. Sie wurden geflickt und mit Kalkwasser und wenig Pigment gefestigt, alles, was für den Erhalt der Substanz nötig war. Entscheidend für uns ist jeweils, den Wert dieser Zeitzeugnisse zu sehen und zu verstehen. Dabei sind wir nicht alleine, sondern entwickeln solche Orte oft gemeinsam mit den Kunden. Geht man in der beschrieben Weise vor, entstehen Häuser und Räume, die echt, real und in ihrer Geschichte lesbar sind und bleiben.

In diesem Sinne sind wir Schatzsucher. Wir suchen nicht weniger als „the real thing“. Das Echte, das Wahre und das Ehrliche, ob es nun Patina oder Wabi-Sabi heisst, ist uns dabei eigentlich egal. Danke, wir lernen von den Japanern viel.

 

 

10. Dezember 2018

Warum nur lässt der Besitzer genau dieses Brett wie und wo es ist? Es erzählt eine Geschichte, die unersetzlich ist. Und natürlich erzählen auch die Wände Bände.