Kultur, Kultur, Kultur, Kultur, Italien: ein Reisebericht

Italiens neue und alte Kalkprodukte

Am ersten Juni frühmorgens sind wir für “calcina“, den Fachverband für Kalk, unterwegs nach Italien, genauer Norditalien. Unser Ziel: zwei Kalkproduzenten besuchen, die interessante Kalk-Produkte herstellen. Dazu muss man wissen, der Kalk ist in Italien bis heute ein ganz gängiges Alltagsbauprodukt und so hat denn auch etwa jede Region einen Kalkproduzenten. Die Firmen, die wir besuchen, haben für uns wichtige und besondere Produkte, die wir in der Folge gerne vorstellen: In Kürze werden wir damit einen Workshop  veranstalten, dazu mehr weiter unten.

Nach einer langen und, wie es scheint, schnurgeraden Fahrt durch das flache und ehrlich gesagt trist anmutende Agro-Piemont, gelangen wir nach dem Mittag nach Piasco, zu unserem erster Hersteller mit Steinbruch und fünf Öfen, die gasbetrieben sind. Die Firma produziert Kalk in der fünften Generation, 30 Tonnen pro Tag. Auf die Firma aufmerksam geworden sind wir durch Ajito Zolliker, der im Tessin lebt und mit deren Produkten seine Fassade renoviert hat,

Wir treffen die Signori Deaglio und Albonici, die den Betrieb leiten, beide Vertreter der zwei Familien, die hier schon seit 1868 Kalk und Kalkprodukte herstellen. Es ist ein mittelständisches Unternehmen, immer noch unabhängig.

Diese Firma spricht uns besonders an, weil sie konsequent mit Sumpfkalk arbeitet und damit für uns sehr interessante Produkte herstellt. 

Uns interessieren vor allem

der COCCIO PESTO, also der durch Ziegelmehlzusatz hydraulisch aushärtende Verputz für aussen. Das Besondere daran: er wird im Sack geliefert; da aber der Hydraulefaktor, also das Ziegelmehl, den Verputz auch im nassen Zustand härtet, ist innenliegend im Sack ein zweiter Sack mit dem Ziegelmehlpuver eingeschweisst, eine Intelligente Konfektionierung, die es uns ermöglicht mit dem – im Vergleich zu einem Pulverkalkhydrat –  qualitativ besseren Sumpfkalk zu arbeiten: Man öffnet beide Säcke, mischt sie und kann zur Verarbeitung schreiten, es klappt sehr gut. Zwei damit verputzte Fassaden in der Schweiz kennen wir. Eine ist die von Ajito im Tessin, der die Farbe grad schön fand, wie sie war, und keinen Anstrich mehr darauf gemacht hat. Er ist bis heute zufrieden mit seiner Fassade.

Superinteressant ist für uns auch der

INTONACO DEUMIDIFICANTE, also der Entfeuchtungsputz, bestehend aus Sumpfkalk und mineralischen Füllkomponenten, die beim Anrühren expandieren.
Er soll demnach auch auf versalzene Stellen, die vorgängig zu reinigen sind, funktionieren. Wer es genau wissen will, kommt an den Workshop, siehe weiter unten.

Und schließlich sind da noch die Hanfdämmputze, den CALCE CANAPA TERMOINTONACO . Auch beim Hanfdämmputz, den man bis zu einer 15 cm dicken Schicht auftragen kann, fällt wiederum die intelligente Konfektionierung auf, die es dem Verarbeiter für einmal einfach macht.

Ein weiteres Hanfprodukt gibt es für Estrichböden oder für das Dach.

Natürlich interessiert uns auch der Sumpfkalk: es ist Dolomitkalk, also ein magnesiumhaltiger. Das ist nach den Angaben von Ingenieur Angelo Albanici für die Festigkeit der Verputze von Vorteil. Den Sumpfkalk gibt es als Sackware ohne Zeitangabe, den 24 Monate gelagerten, und im Eimer ist auch ein 60 Monate gesumpfter für Restaurationen erhältlich. Es gibt Aussagen, wo behauptet wird, mehr als 3 Jahre Lagerung bringe nichts mehr. Ich kann mich dem ein Stück weit anschließen, denn die graduellen Verbesserungen nach 36 Monaten gehen dann doch, wenn überhaupt, sehr sehr langsam vor sich.
Für Farben ist, nach Beurteilung des Autors, ein magnesiumhaltiger Sumpfkalk nicht der einfachste. Erfahrungen damit habe ich mit einem Produkt eines anderen Kalkproduzenten. Mit dem Sumpfkalk von Pisco stehen solche noch aus.

Die beiden SIgnori zeigen uns jeden Winkel der Anlage, wir sind fasziniert und beschliessen eine weitere Calcina-Reise zu veranstalten. Um 17 Uhr verlassen wir die zwei ausgesprochen sympathischen Herren, es war eine schöne Begegnung.

Ajito

Wir begeben uns in die piemonteser Berge zu Ajito, der dort ein Anwesen mit siebzig Haselnussbäumen (oder waren es neunzig?) erworben hat.
Auch da gibt es bald schon viel zu renovieren und zu bauen, wir freuen uns schon darauf.
Bei Ajito verbringen wir die Nacht, der Ort ist hinreisend, riesig und inmitten einer wilden Natur, Erholung pur.

ET

Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns wieder auf den Weg.
Es geht nach Vigevano, wo wir um 17 Uhr mit Gabriella und Francesco verabredet sind.

Da interessiert uns vor allem ein Produkt, das mit Versalzungen umgehen kann: Das Ecosun,
das wir für Bea Grünig testhalber einmal angewendet hatten und sich bis heute bewährt hat. Allerdings erfuhren wir von Francesco, dass wir es nicht ganz richtig verwendet haben. Leider hatte der Schweizer Verkäufer wohl kaum eigene Erfahrungen damit und konnte uns damals nicht wirklich weiterhelfen – und genau das war der Hauptgrund, warum wir nun nach Vigevano gingen…

..und da entpuppt sich Francesco als wahre Wundertüte: Wer möchte nicht ein Produkt, welches das Salzproblem in alten Wänden lösen kann – Tatsächlich wissen wir jetzt, wie es geht. Und auch dieses Produkt werden wir am Workshop anwenden.

Fassadenprodukte
Wir unternehmen einen Ausflug ins historische Zentrum von Vigevano, welches sehr reizvoll ist.
Da zeigt uns Francesco eine Fassade, die mit den ET-Produkten renoviert wurde: sie ist auch nach fünf Jahren in allerbestem Zustand, keine Wasserflecken, kein Salzdurchschlag, und eine wunderschöne Arbeit.

Gleich nebenan dann ein vor zwei Jahren renoviertes Gemäuer, bei dem mit Zement und Kunststoffen gearbeitet wurde: da fallen Verputz und Farbe in Brocken herunter. Auch an historischen Gebäuden in den riesigen Schlossanlagen platzen ganze Verputzbrocken ab, dabei wurde erst gerade renoviert.
„Kriminell“, meint Francesco, und auch wir sind seiner Meinung, man wüsste es doch besser…

Carlo Vagnières, September 2021

Mit den im Bericht erwähnten Kalkprodukten veranstalten wir am 7. und 8. Oktober für calcina einen Workshop

hier gehts zum Workshop

 

 

22. September 2021

Der Palazzo in Vigevano mit 800-jähriger Fassade in Sumpfkalk